***** Der Name Bee Gees war in der zweiten Hälfte der 60er- und Anfang der 70er Jahre der Inbegriff für gefühlvolle, teilweise aber auch schmalzige und kitschig anmutende Balladen. Zwischen 1967 und 1971 gehörten sie zu den erfolgreichsten Gruppen überhaupt. Ab 1972 ließ der Erfolg für die Brüder Barry, Robin und Maurice Gibb schlagartig nach, ihre Singles verkauften sich kaum noch (lediglich in den USA landeten sie mit „Alive“, „Saw A New Morning“, „Wouldn’t Be Someone“ und „Mr. Natural“ weitere Hits, wenn auch auf hinteren Rängen der dortigen Top 100). 1975 war das Kapitel Bee Gees so gut wie abgeschlossen, kein Mensch interessierte sich mehr für sie. Wie aus dem Nichts traten sie mit der Single „Jive Talkin‘“ und dem Album „Main Course“ wieder ins Rampenlicht. Musikalisch hatten sie sich dem Zeitgeist angepaßt und überraschten mit einer vielfältigen musikalischen Mischung aus Discosound, C&W, etwas R&B und ihrem altbekannten, unwiderstehlichen Sound. Im Sommer 1975 schoß „Jive Talkin‘“ an die Spitze der amerikanischen Hitparade und viele Zeitgenossen trauten ihren Ohren nicht, daß die Autoren und Interpreten dieses ungemein fetzigen Titels die Brüder Gibb waren. Kannte man sie bis zu diesem Zeitpunkt nur als „Jammerlappen“, so war man angenehm überrascht, daß sie auch solch temperamentvolle Stücke inszenieren konnten. Nun, eine komplette Soundkorrektur hatten die Bee Gees nicht vorgenommen, einschmeichelnde Balladen wie „Fanny (Be Tender With My Love)“, „Country Lane“ und „Come On Over“ stehen in der Tradition ihrer alten Hits. Aber so etwas wie „Jive Talkin‘“, „Wind Of Change“, „Edge Of The Universe“ (dessen Gitarrenriff mich an Daniel Boones „Beautiful Sunday“ erinnert) oder das phänomenale „Nights On Broadway“ stehen im Kontrast zu dem, was man bisher von ihnen gewohnt war. Ein Stück überstrahlt das ganze Album: Das R&B beeinflußte „Nights On Broadway“ ist schlichtweg eine der besten Nummern, welche die Brüder Gibb je aufgenommen haben. Als zweite Singleauskopplung erreichte dieser sensationelle Titel im Herbst 1975 die amerikanischen Top 10. „Nights On Broadway“ ist so gut, daß ein Platz 1 eigentlich angemessen gewesen wäre. Von den Bee Gees sind im Laufe der Jahre jede Menge Titel von anderen Künstlern übernommen worden, erstaunlicherweise stieß einer ihrer besten Titel bisher auf wenig Interesse. Immerhin nahm die amerikanische Soulsängerin „Nights On Broadway“ zwei Jahre später neu auf und landete mit ihrer Version einen Top 10 Hit in England (Ein Jahr zuvor landete Olivia Newton-John mit einer Coverversion aus „Main Course“, „Come On Over“ einen mittelprächtigen Hit in den amerikanischen Charts). Im Großen und Ganzen ist den Bee Gees mit dem von Arif Mardin produzierten „Main Course“ ein stimmiges, abwechslungsreiches Werk gelungen, das vor allem dann eine Klasse für sich ist, wenn die Bee Gees nicht typisch nach Bee Gees klingen. Es gibt viel zu entdecken und „Jive Talkin‘“ und „Nights On Broadway“ wird man drei mal so oft hören wie den Rest. Ohne diese beiden Titel wäre „Main Course“ ein solides 4-Sterne-Album, mit ihnen könnte man dem Werk fast die Höchstnote verleihen. |