| ****** Deutschsprachige Lieder feierten 1982 fröhliche Urstände und erfreuten sich (logischerweise) beim deutschsprachigen Publikum enormer Beliebtheit. Neue Deutsche Welle hießen damals die Zauberwörter und damit ließ sich eine Menge Geld verdienen. Keine Melodie war zu simpel und kein Text zu banal (ein Großteil der Texte stellten sogar noch die banalsten Schlager in den Schatten), um an den Käufer gebracht zu werden. Da hatten es Künstler mit gehaltvollen und ambitionierten Texten und ausgereifter Musik schwer, sich beim Publikum Gehör zu verschaffen. Um so erstaunlicher und bemerkenswerter ist die Tatsache, daß genau zu diesem Zeitpunkt Hans Hartz seinen Durchbruch schaffte. „Die weißen Tauben sind müde“ hieß der Titel, der ihn beim großen Publikum schlagartig bekannt machte und der ihn einen respektablen Singlehit einbrachte. In Zeiten des drohenden Nato Doppelbeschlusses und dem immer ausufernden Wettrüsten der beiden Supermächte avancierte das Lied schnell zu einer Hymne der Friedensbewegung, obwohl das Lied eher die traurige Erkenntnis ist, daß es eine solche gar nicht mehr richtig gibt. Mit „Die weißen Tauben sind müde“ trat Hans Hartz sogar in der ZDF-Hitparade auf, bekam aber aufgrund einer Computerpanne keinen Punkt. Zeitgleich zur Single erschien die Langspielplatte „Sturm!“, meines Erachtens die herausragende deutschsprachige Produktion des Jahres 1982. Die Texte (zum größten Teil aus der Feder seines Produzenten Christoph Busse) orientieren sich an den deutschsprachigen Liedermachern der 60er- und 70er Jahre, allerdings auf einen für das Massenpublikum verständlichen Nenner gebracht und ohne auf eine bestimmte politische Klientel abzielend), die Musik ist eine Mischung aus kernigem Rock und sanften Melodien. Über allem jedoch steht die kraftvolle Stimme von Hans Hartz, die wie eine vitale Version der von Joe Cocker klingt (obwohl beide fast der Jahrgang sind). Vor „Die weißen Tauben sind müde“ habe ich wie die meisten noch nie etwas über bzw. von diesen Hans Hartz gehört. Das ist um so erstaunlicher, denn seine gesanglichen Qualitäten suchen in Deutschland ihresgleichen. Nicht nur seine Stimme ist außergewöhnlich, er schafft es außerdem, echte Gefühle, Stimmungen glaubhaft rüberzubringen. Seine Interpretationen sind geprägt von Wut, Hoffnungslosigkeit aber auch vom Glauben an das Gute und von Menschlichkeit. Was er singt, singt er absolut glaubwürdig – man merkt in jeder Zeile, daß er voll hinter dem steht, was er singt. Das stellt er gleich im ersten Lied „Sturm“ eindrucksvoll unter Beweis. Das Lied handelt vom rauhen Leben an der stürmischen See, unterlegt mit leichter Ökokritik („Das Wasser riecht nach Alkohol und mittendrin ich und du.“). „Kanada“ handelt von einem desillusionierten Mann, der nach einer gescheiterten Beziehung und der Tilgung all seiner Schulden nach Kanada auswandert, um dort einen Neuanfang zu wagen. Über „Die weißen Tauben sind müde“ brauche ich nicht viel Worte zu verlieren, außer, daß dieses Lied zum Besten gehört, was es 1982 gegeben hat. „Sein Problem“ handelt von einem Mann mit massiven Alkoholproblemen, während „8:10“ sich mit dem Abschied eines Paares beschäftigt. Ein Lied von leider zeitloser Aktualität ist „Unser Land“, in dem sich Hans Hartz mit maßlosen Bossen, Multis, Maklern und Geldhaien beschäftigt, die eigentlich nichts anderes tun, als sich an der Bevölkerung zu bereichern und die das Land fest in ihren Händen halten. Textlich ist das Lied zwar einfach gehalten, bringt die Tatsachen aber exakt auf den Punkt. Hans Hartz‘Gesang wirkt wie eine ehrliche wütende Anklage gegen all die, die sich mit krummen Geschäften und unlauteren Mitteln an ehrlichen Menschen bereichern. Mit einer ähnlichen Thematik hatten sich in der Vergangenheit schon etliche Liedermacher aus der Politszene versucht, aber keiner von ihnen hat diese ernste Thematik in einfachen, klaren Worten derart auf den Punkt gebracht wie Hans Hartz‘ Texter Christoph Busse. „Unser Land“ diente seinerzeit als Hintergrundmusik für die erste Folge der Fernsehserie „Schwarz-Rot-Gold“ mit dem sinnigen Episodentitel „Unser Land“. Ein beliebtes Thema der Liedermacher der späten 70er- und frühen 80er Jahren war Umweltverschmutzung. Und auch hier bewiesen Christoph Busse und Hans Hartz mit „Wenn Möwen schrein“, wie man ein packendes Lied zu dieser Thematik gestalten muß. Durch Hans Hartz‘ wütenden und zeitweise auch freundlich anmutenden Gesang wirkt auch dieses Lied wie eine bittere Anklage. „Winter Nr. 34“ handelt von einem Mann, der die Tage lieber im sonnigen Süden als im kalten Winter verbringen möchte. „...und nannten es Glück“ ist so etwas wie eine kleine Abrechnung mit dem 68er Geist. Hier kommt der Erzählende zum Schluß, das man als Paar nur dann glücklich sein kann, wenn man offen und ehrlich zueinander steht und den anderen respektiert. „Auf ein Wort“ handelt davon, daß man offen und ehrlich seine Meinung sagen soll, auch wenn andere dafür einen hassen und das sich Menschen, die sich normalerweise gut verstehen, nach einem Streit vergeben und die Fehler des anderen übergehen. Mit „Sturm!“ ist Hans Hartz ein wirklich außergewöhnlich gutes Album gelungen, das, wie vorhin schon erwähnt, relativ anspruchsvolle Texte mit packender Musik verbindet, die ohne den bei vielen Liedermachern üblichen erhobenen Zeigefinger und deren Mief auskommen. Die 10 Lieder auf „Sturm!“ sind obendrein ein gutes Beispiel dafür, wie gut sich die deutsche Sprache für ambitionierte Lieder eignet. Wer gerne einmal eines der besten deutschsprachigen Alben der 80er Jahre hören will, der sollte „Sturm!“ von Hanz Hartz unbedingt Gehör schenken. Es lohnt sich! |